OBWALD ein Volkskulturfest

Das OBWALD-Volkskulturfest will die ganz eigenen und unverwechselbaren Ausdrucksformen der Volkskultur feiern, sie zur Quelle eines grossherzigen Selbstwertgefühls der Menschen werden lassen. Das OBWALD-Volkskulturfest soll die Menschen mit einem Stolz auf das Eigene erfüllen, der vielen lähmenden Klischees entgegenwirkt. Beispielsweise dem Irrglauben, dass Tradition und Fortschritt sich gegenseitig ausschließen würden, oder dem Zerrbild der stummen, hinterwäldlerischen und weltfremden Bergler. Es soll den JodlerInnen und MusikerInnen einen Stolz auf die eigene Geschichte und den eigenen Weg, die eigene Kultur und ihre Schätze schenken. Nur dieses Selbstbewusstsein, dieses unverkrampfte Ruhen im Eigenen, so sind wir überzeugt, kann uns den Weg in eine selbstbestimmte, ebenso innovative wie nachhaltige Zukunft weisen. Hier will das OBWALD-Volkskulturfest Gegensteuer geben. Es soll ein Ort der Kraft für die Volkskultur sein.

Wirklich erkennen lässt sich die Unverwechselbarkeit des Eigenen nur im Wechselspiel mit dem Fremden. Fehlt der Austausch, setzen Bequemlichkeit und Stillstand ein, die Lebendigkeit geht verloren. Deswegen schien es uns unabdingbar, jedes Jahr neue Gastmusiker aus Regionen der Schweiz und der Welt zum OBWALD-Volkskulturfest einzuladen, um durch die Gegensätze den Blick für die Einmaligkeit der eigenen Kultur zu schärfen, ihren Platz im Mosaik der Volkskulturen zu finden. Durch die Gegenüberstellung der eigenen Formen und Inhalte mit jenen fremder Kulturen entstehen neue Bezüge, unbeachtete und unerwartete Aspekte der eigenen Kultur werden offenbar. Wir glauben an die tiefe Sehnsucht der Menschen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, und an ihre Begeisterungsfähigkeit, wenn diese Sehnsucht ernstgenommen wird.

Vorwort 2010

Die Ursprünge unserer Volkskultur, aus denen sie sich immer noch speist, liegen verborgen im Dunkel vorgeschichtlicher Zeit. Ganz selten kann man sie erahnen. Beispielsweise wenn die beiden Wilden an der Älplerchilbi ihren Schabernack treiben. Volkskundler nehmen an, dass die beiden Figuren auf die heidnische keltische Urbevölkerung verweisen, die im Frühmittelalter bei der Landnahme durch die Alemannen in die Bergtäler verdrängt wurden. Die archaische Gewalt der heidnischen Maske, der sich der Träger anverwandelt, wird in den beiden Wilden nochmals spürbar, eine Spur urtümlicher Volkskultur.


Unsere diesjährigen Gäste aus Mali sind mit den Ursprüngen und Urkräften ihrer Kultur immer noch wohlvertraut, die Zivilisation hat die Dogons noch nicht abgeschliffen. Die Tänzer der Awe de Sangha mit ihren fantastischen Masken sind entfernte Verwandte der beiden Wilden, die Kraft ihrer Rituale und Symbole ist jedoch immer noch lebendig und durchwirkt den Alltag der Dogons – eine Welt, in der Masken, Zeichen, Farben und ungezähmter Tanz eine prägende Rolle spielen, eine Sprache ohne Worte, die die Beziehung der Dogon zu ihrer Umwelt strukturiert. Hier wird die Welt nicht durch Zahlen, Formeln und Vernünfteln erklärt, sondern in Bildern, Erzählungen und Riten verstanden. Die Tänze der Awa de Sangha sind nicht zuletzt ein Aufruf an uns, dem Wilden, Eigenwilligen und Unerklärbaren seinen Platz einzuräumen. Denn aus diesen Kräften speist sich letztlich jede Volkskultur, ohne sie trocknet sie aus und wird zu einer bloßen Hülse.

 

Martin Hess

Masken und Trachten, Naturjuiz und Maliblues

Das Volkskulturfest Obwald mit Gästen aus dem Kanton Bern und Mali wird noch sinnlicher – Tänze, Trachten und Masken treten zur Musik, die visuellen Sprachen der Volkskultur erhalten ihren Platz. Die Awa de Sangha führen rituelle Tänze der Dogon auf – in spektakulären, teilweise meterhohen Masken, mythische Skulpturen, die im trommelgetriebenen Tanz zum Leben erwachen. Obwaldner und Berner Trachtengruppen zeigen ihre Tänze und Trachten, die schlichte Eleganz der Obwaldner Tracht trifft auf die Üppigkeit der silbergeschmückten Berner Tracht .

Im Zentrum des Volkskulturfestes steht wie jedes Jahr der Naturjuiz. Der wehmütige, getragene Berner Naturjuiz kontrastiert reizvoll mit dem beseelten urchigen Obwalder Naturjuiz, in ihrem Zusammenspiel wird der ganze Nuancenreichtum des Naturjuiz offenbar.
 
Ein Höhepunkt des diesjährigen Volkskulturfestes wird der Auftritt der Ländlerkapelle Hujässler mit der Harmoniemusik Kerns : Dani Häusler und Markus Flückiger, zwei der besten zeitgenössischen Instrumentalisten der Schweizer Volksmusik, spielen Ländler, begleitet von einem sechzigköpfigen Blasorchester.

Obwald will den Dingen auf den Grund gehen, nicht nur im Naturjuiz. Der Gitarist Afel Bocoum aus Niafunke in Mali führt uns zu den Wurzeln des Blues am Fluß Niger. Seine polyrhythmischen, warmen Lieder mit ihren eingängigen Melodien sind nicht bloße Unterhaltung. Da nur 30 Prozent der Bewohner von Mali lesen und schreiben können, hat er seine Musik immer wieder eingesetzt, um dringliche Themen anzusprechen - eine afrikanische Tradition, die im amerikanischen Blues ihre Fortsetzung findet.
          
Reiche Gegensätze prägen dieses Volkskulturfest: Eingängiger Mali-Blues trifft auf elegischen Berner Naturjuiz, die geheimnisvollen Maskentänze der Dogons auf die wohlgeordneten Schweizer Trachtentänze, eine Ländlerkapelle auf ein Blasorchester. In diesen Gegenüberstellungen tritt einmal mehr der Reichtum der Volkskulturen hervor, den Obwald bewahren will. Denn so unterschiedlich ein Trachtentanz und ein Dogonritual sein mögen – sie haben mehr miteinander gemeinsam als es vielleicht zuerst den Anschein macht.

 

Martin Jaeggi